DNBGF
Deutsches Netzwerk
für betriebliche
Gesundheitsförderung

Fit for Work 2010

Broschüren zu diesem Themenbereich die auch vor Ort ausgelegt waren finden Sie hier....

Bericht über die gesamte Tagung:

Der Supertanker BA kommt langsam auf Kurs – doch nicht für alle Probleme sind Lösungen in Sicht

Die 7. Tagung des DNBGF-Forums Arbeitsmarktintegration und Gesundheitsförderung "Fit for Work" am 20. September 2010 in Essen lieferte ein vielschichtiges Bild der aktuellen Situation. Auf der einen Seite wurde deutlich, dass die Bundesagentur für Arbeit (BA) die Bedeutung der Gesundheitsorientierung bei der Betreuung von Arbeitslosen erkannt hat und in ihr Leistungsprofi integriert. Andererseits zeigten Praktiker wie Wissenschaftler auf, vor welchen enormen Hürden Gesundheitsförderung von Langzeitarbeitslosen noch steht und auf absehbare Zeit stehen wird. Immerhin, dafür stehen die Rekordzahl von über 140 Teilnehmerinnen und Teilnehmern und das einmütige Bekenntnis aller Referenten zum Handeln, ist das frühere Randthema der Gesundheitsförderung jetzt ganz oben auf der Agenda angekommen.

Trotz der professionellen und konstruktiven Atmosphäre im Plenum wie in den Workshops wurde schnell deutlich, wie unterschiedlich die Perspektiven von Teilnehmern wie Vortragenden waren. Vertreter von BMAS und BA signalisierten sehr glaubhaft: „Wir haben verstanden und sind jetzt auf dem richtigen Weg“. Praktiker und Wissenschaftler verwiesen allerdings auch auf Erfahrungen und Erkenntnisse, die zeigen, wie groß die Aufgabe ist.

Die Grundlage für diese Diskussion legte der Einführungsvortrag der Arbeits- und Organisationspsychologin Prof. Dr. Gisela Mohr. Sie konzentrierte sich auf das Problem der psychischen Erkrankungen von Arbeitslosen, die nachweislich durch die Arbeitslosigkeit ausgelöst und verstärkt werden. Deshalb sei es eine zentrale Aufgabe, diese Erkrankungen so früh wie möglich zu erkennen und professionell zu behandeln. Doch für beides fehlen nach Prof. Mohr bislang Fähigkeiten und Ressourcen, auf Seiten der Arbeitsmarktintegration wie auf Seiten des Gesundheitswesens. So habe eine Studie gezeigt, dass 18 Prozent der untersuchten männlichen Langzeitarbeitslosen und 24 Prozent der weiblichen unter einer behandlungsbedürftigen Depression litten, aber kein einziger Mann und nur die Hälfte der Frauen entsprechend behandelt wurden.

Es geht aber nicht nur, so Prof. Mohr, um akute Depressionen. Tatsächlich treten bei Arbeitslosen alle psychischen Probleme häufiger auf als in der Erwerbsbevölkerung. Damit gehe ein Verlust der Fähigkeiten einher, die für den Wiedereinstieg ins Arbeitsleben notwendig sei. Die gute Nachricht aus ihrer Sicht: Diese Probleme lassen sich heute gut behandeln. Nur: Werden sie nicht erkannt, was heute zu häufig der Fall sei, droht eine Chronifizierung, die die Behandlung erschwert und zudem deutlich aufwändiger und für die Krankenkassen teurer macht.

Doch selbst wenn psychische Störungen frühzeitig erkannt würden: Aufgrund der zu geringen Ressourcen sei es für Arbeitslose nahezu unmöglich, schnell professionelle Hilfe von Therapeuten und Psychologen zu bekommen. Es gibt schlicht zu wenige, lange Wartezeiten seien nicht die Ausnahme, und Langzeitarbeitslose gehören nicht zu den Patienten, die bevorzugt Termine bekommen. Prof. Mohr schlug daher vor – und diese Idee stieß auf Zustimmung – dass für die Behandlung der Zielgruppe Kontingente bereit gestellt werden, die z.B.  vom Anteil der Arbeitslosen an der Gesamtbevölkerung abgeleitet werden.

Außerdem verwies die Psychologin auf ein weiteres Problem, das das Erreichen gesundheitlicher Ziele und erst recht die Reintegration in den Arbeitsmarkt erschweren könnte: Die Mitarbeiter der Arbeitsverwaltung sind erfolgreich, wenn sie vermitteln. Wenn aber der Vermittlungsdruck auf die Arbeitslosen zu groß wird, bedeutet das ebenfalls eine psychische Belastung, mit der viele Mitglieder der Zielgruppe nicht umgehen können oder ihren Zustand noch verschlimmert. Wenn dann die Meldung gesundheitlicher Probleme, wie es Dr. Alfons Hollederer vom nordrhein-westfälischen Landesinstitut für Gesundheit und Arbeit (LIGA.NRW) befürchtet, im Rahmen der „Missbrauchsbekämpfung“ auf breiter Ebene in Frage gestellt würde, könne das den notwendigen offenen Umgang mit gesundheitlichen Problemen konterkarieren.

Dieser Problembeschreibung setzten Vertreter der Bundesregierung und der BA eine Prozessbeschreibung entgegen. Dass Gesundheitsorientierung bei der Betreuung mit Arbeitslosen eine zentrale Rolle spielen muss, die systematisches Vorgehen erfordert, steht auch aus ihrer Perspektive außer Frage. Zugleich machten Beate Kostka von der BA wie ihre Kollegen in den Workshops aber auch deutlich, dass es sich dabei um eine noch neue Aufgabe für die Mammutbehörde handelt. Zum einen habe man erst durch eine Instrumentenreform neue Möglichkeiten für eigene Aktivitäten und Fördermöglichkeiten erhalten; zum anderen dürfe man nicht vergessen, dass der Geschäftsauftrag der BA die Vermittlung von Arbeitslosen ist, also Gesundheitsorientierung ein notwendiges, aber eben nur unterstützendes Instrument sein könne.

Immerhin: Die Nachricht, dass nun bei von der BA durchführten oder geförderten Programmen und Maßnahmen bis zu 20 Prozent auf Gesundheitsorientierung entfallen können, war für viele Teilnehmer neu und muss gegenüber der bisherigen Praxis als Quantensprung bezeichnet werden. Denn damit kommen bei mehrmonatigen Maßnahmen Kontingente von bis zu 200 Stunden zu Stande, die bislang selbst in Modellprojekten nicht zur Verfügung standen. Das Angebot der Krankenkassen, max. 2 Präventionskurse im Jahr mit jeweils 8 bis 12 Einheiten à 45−90 Minuten (§ 20 SGB V), wirkt dagegen fast bescheiden. Während die Krankenkassen für ihre Angebote Qualitätskriterien defininiert haben (s. Leitfaden Prävention), gibt es Vergleichbares bei der BA nicht, was viele erstaunte.

Dann allerdings kommt es besonders darauf an, diejenigen zu erreichen, die die Unterstützung am dringendsten benötigen. Denn laut Prof. Mohr gibt es hier ein ähnliches Problem wie auf anderen Feldern der Gesundheitsförderung: „Teilnehmer von Maßnahmen sind häufig eine „Positivauswahl“, diejenigen, die noch Initiative, ausreichend Selbstwertgefühl, keine großen Versagensängste haben!“

Menschen mit den vielfältigen Problemlagen sind allerdings meist weit von der Wiedererlangung der Beschäftigungsfähigkeit entfernt und brauchen besonders intensive Unterstützung gerade auch bei gesundheitlichen Fragen. Weil das langfristig Erfolg versprechend sei, hätten hier Maßnahmen eine Berechtigung, die vorrangig auf die Verbesserung der Gesundheit und die Verminderung anderer Problemlagen zielen. Dabei handele es sich um langfristige Prozesse mit entsprechend langfristiger Vermittlungsperspektive. Das verweist auf eine besondere Problematik: Denn zum einen sind die Arbeitsagenturen / JobCenter die einzige zwangläufige Anlauf- und damit Kontaktstelle für Arbeitslose, andererseits lässt deren Auftrag ausschließlich gesundheits- und persönlichkeitsorientierte Fördermaßnahmen nicht zu. Hier müssen zweifellos neue Lösungsansätze gefunden werden.

 




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