Gesundheit im Betrieb braucht Gestaltungsspielraum
Expert:innen-Interview mit Carina Becher von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) über die Bedeutung betrieblicher Gesundheitsförderung, die Rolle der Arbeitgeber und notwendige Rahmenbedingungen für eine stärkere Verbreitung von BGF in Unternehmen.
Was ist die BDA und wofür steht sie?
Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) ist die sozial- und wirtschaftspolitische Spitzenorganisation der privaten Wirtschaft in Deutschland. Über ihre Mitgliedsverbände bündelt sie branchenübergreifend die Interessen von rund einer Million Unternehmen mit etwa 30,5 Millionen Beschäftigten und bringt diese Perspektiven in politische und fachliche Debatten ein.
Die BDA sorgt dafür, dass die im Grundgesetz verankerte Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften ein Erfolgsmodell bleibt und faire Arbeitsbedingungen in unserem Land gewährleistet werden. Mit Blick auf Prävention und betriebliche Gesundheitsförderung heißt das: Betriebe müssen handlungsfähig bleiben, investieren können und Gestaltungsspielraum behalten. Nicht nur das Ziel muss also überzeugen, sondern auch die Frage, wie sich gute Ansätze unter realen betrieblichen Bedingungen umsetzen lassen.
Wo sehen Sie Anknüpfungspunkte Ihrer Arbeit bei der BDA zu den Themen und Zielstellungen des DNBGF?
Die Anknüpfungspunkte sind für mich sehr naheliegend. In meiner Arbeit beschäftige ich mich unter anderem mit betrieblicher Gesundheitsförderung, Prävention, psychischer Gesundheit in der Arbeitswelt, betrieblicher Wiedereingliederung und Gesundheitskompetenz. Das sind zugleich Themen, die auch das DNBGF in besonderer Weise prägen.
Besonders schätze ich am DNBGF, dass dort unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen. Gerade beim Thema Gesundheit im Betrieb ist das wichtig, weil viele Fragen nicht isoliert betrachtet werden können. Sie berühren betriebliche Praxis, individuelle Voraussetzungen und übergreifende Entwicklungen im Präventions- und Gesundheitsbereich zugleich.
Für meine Arbeit ist dieser Austausch vor allem deshalb hilfreich, weil er den Blick weitet. Er zeigt, welche Erfahrungen andere Akteure machen, wo sich ähnliche Fragen stellen und welche Ansätze in der Praxis bereits aufgegriffen werden. So lassen sich Entwicklungen besser einordnen und betriebliche Herausforderungen differenzierter betrachten.
Warum ist BGF für Betriebe wichtig?
BGF ist für Betriebe wichtig, weil sie an einer zentralen Zukunftsfrage ansetzt: Wie gelingt es, Beschäftigte möglichst lange gesund und arbeitsfähig zu halten? Angesichts des demografischen Wandels, des Fachkräftemangels und einer steigenden Lebensarbeitszeit gewinnt diese Frage weiter an Bedeutung – für den einzelnen Betrieb ebenso wie für den Wirtschaftsstandort insgesamt.
Der besondere Wert von BGF liegt aus meiner Sicht darin, dass sie Betrieben die Möglichkeit eröffnet, Gesundheit bewusst zu unterstützen und im Arbeitsalltag positiv zu verankern. Sie kann dazu beitragen, Gesundheitsbewusstsein zu stärken, Eigenverantwortung zu fördern und gesundheitsbezogene Themen stärker ins Blickfeld zu rücken. Gerade, weil sie freiwillig angelegt ist, kann sie niedrigschwellige Zugänge schaffen und Beschäftigte auf eine Weise ansprechen, die im betrieblichen Alltag eher angenommen wird.
Hinzu kommt: BGF kann im Betrieb eine wichtige Signalwirkung entfalten. Sie zeigt, dass Gesundheit nicht nur dann Aufmerksamkeit bekommt, wenn bereits Probleme entstanden sind, sondern als Thema ernst genommen und aktiv begleitet wird. Das kann Gesprächsanlässe schaffen, Hemmschwellen senken und dazu beitragen, dass Angebote eher wahrgenommen werden.
Wer sich dazu praxisnah informieren möchte, findet auf der BDA-Seite „Aktiv im Unternehmen“ gebündelte Hintergrundinformationen, Praxisbeispiele, Checklisten, FAQs und Hinweise auf Unterstützungsangebote. Das ist besonders hilfreich für alle, die sich orientieren oder erste Anknüpfungspunkte für die eigene Praxis suchen.
Was braucht es aus Arbeitsgebersicht für Rahmenbedingungen, um BGF weiter in die Verbreitung zu bringen?
Damit sich BGF weiterverbreiten kann, braucht es vor allem eine Grundhaltung, die Betriebe ermutigt, statt sie mit zusätzlichen Erwartungen zu überfordern. Viele wollen etwas für die Gesundheit ihrer Beschäftigten tun – entscheidend ist, dass daraus Angebote werden können, die im betrieblichen Alltag tatsächlich Platz finden und angenommen werden.
Wichtig ist auch, BGF und Arbeitsschutz nicht gleichzusetzen. Der gesetzlich verpflichtende Arbeitsschutz hat seine eigene zentrale Aufgabe: Er soll Beschäftigte vor arbeitsbedingten Gefährdungen und Gesundheitsgefahren schützen. BGF geht darüber hinaus und lebt gerade deshalb von Freiwilligkeit, Akzeptanz und Gestaltungsspielraum. Ein kleiner Handwerksbetrieb, ein mittelständisches Familienunternehmen und ein großer Dienstleister bringen sehr unterschiedliche Voraussetzungen mit. Was in einem Betrieb gut funktioniert, kann in einem anderen an der Realität vorbeigehen. Genau deshalb muss BGF so angelegt sein, dass Betriebe eigene Schwerpunkte setzen und passende Formate wählen können.
In der Praxis scheitert Gesundheitsförderung oft nicht am fehlenden Interesse, sondern daran, dass Orientierung, Zeit und unkomplizierte Zugänge fehlen. Gerade kleinere Betriebe haben oft weder eigene Fachabteilungen noch die Kapazität, sich durch Zuständigkeiten, Förderwege und Angebote zu arbeiten. Hilfreich sind deshalb gut erreichbare Beratung, klare Ansprechpartner und mehr Transparenz darüber, welche Unterstützung es bereits gibt. Unser Positionspapier zur betrieblichen Gesundheitsförderung macht deutlich, an welchen Punkten noch angesetzt werden sollte: bei der Beratung für kleine und mittlere Unternehmen, bei der besseren Abstimmung der beteiligten Akteure, bei einer leichter zugänglichen betriebsärztlichen Versorgung, bei einfacheren und digitalisierten Nachweisen sowie bei praxistauglichen steuerlichen Rahmenbedingungen. Ein Punkt ist mir dabei besonders wichtig: Gesundheitsförderung kann nur dann ihre Wirkung entfalten, wenn Beschäftigte Angebote auch einordnen, annehmen und für sich nutzen können. Deshalb gehört die Stärkung von Gesundheitskompetenz aus meiner Sicht unbedingt dazu.
Wenn diese Voraussetzungen stimmen, kann betriebliche Gesundheitsförderung in noch mehr Unternehmen zu einem selbstverständlichen Teil guter Praxis werden.
Wir bedanken uns für das Interview mit Carina Becher.
Im Partner:innenkreis
Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) wird durch Carina Becher im DNBGF-Partner:innenkreis vertreten. Die Arbeits- und Gesundheitspsychologin ist bei der BDA als Referentin für Arbeitswissenschaft tätig. Ihr Schwerpunkt liegt auf der psychischen Gesundheit im Arbeitskontext. Dabei befasst sie sich insbesondere mit betrieblicher Gesundheitsförderung, Prävention und dem Betrieblichen Eingliederungsmanagement bei psychischen Erkrankungen.
Carina Becher